Mit einem Märtyrer können keine Rechnungen bezahlt werden

Die Palästinensische Autonomiebehörde steht kurz vor dem finanziellen Zusammenbruch. Das Wachstum sank von 9% in 2010 auf 5.4%. Die Spendengelder sind teilweise wegen der globalen Finanzkrise zurückgegangen, aber auch zu einem Grossteil wegen der Stagnation im Friedensprozess und dem Scheitern der PA, unilaterale Anerkennung als Staat zu erlangen. Arabische Staaten haben es nicht geschafft, hunderte Millionen zugesagter Hilfsgelder zu überweisen und liessen somit die PA mit einem Schuldenberg in Höhe von 500 Millionen Dollar für 2011 zurück. Aufgrund fehlender Liquidität kann die PA möglicherweise die Juligehälter nicht auszahlen und entlässt somit tausende Regierungsbeamte ohne Gehalt in den Ramadan.

Die PA steht vor einer Sackgasse. Die Friedensgespräche befinden sich jenseits einer Pattsituation; sie existieren schon gar nicht mehr. Trotz kleinerer Siege wie der Anerkennung durch die UNESCO oder der Anerkennung des Status der Geburtskirche in Bethlehem als Weltkulturerbe, beläuft sich Abbas’ mutiger Schritt um unilateraler Anerkennung auf null.

Nun kommt die ideale Ablenkungstaktik: die Wiederauferstehung des verehrten Führers und eine Verschwörung rund um seinen Tod. Für eine schwache PA ist die Wende der Ereignisse die perfekte Gelegenheit, die eigenen Defizite zu vergessen und wieder einmal Israel zum Verursacher all ihrer Probleme zu machen. Dieser Schritt kommt unerwartet, weil sich die PA-Führung in den vergangenen Jahren vom Vermächtnis Arafats losgesagt hat.

Laut Dov Weissglass, Stabschef unter Ariel Scharon während der zweiten Intifada, hat es damals der Ministerpräsident ausdrücklich abgelehnt, Arafat umzulegen, weil er der Meinung war, ihn damit zum Märtyrer zu erheben, was nicht im Interesse Israel läge. Wenn Israel es ablehnt, aus Arafat einen Märtyrer zu machen, dann muss es jemand anderes machen.

Auch spielt es weder eine Rolle, dass François Bochud, Direktor des Lausanner Institute of Radiation Physics sagte, dass „die Ergebnisse eindeutig kein Beweis für eine Vergiftung sind”, noch dass Darcy Christen, Leiter Media Relations CHUV, wiederholte, dass die klinischen Symptome, wie sie in Arafats Krankenakte beschrieben sind, nicht mit einer Polonium-210 Vergiftung übereinstimmen. Die Situation schreit nach einem Märtyrer.

In dem Interview mit Al-Jazeera sagte Suha Arafat, dass Jassir Arafats Leiche exhumiert werden müsse, „um der muslimischen und arabischen Welt die Wahrheit zu zeigen“. Damit wird angedeutet, dass er von Israel umgebracht wurde, obwohl sie seinerzeit die Beschuldigung erhob, dass Jassir von Rivalen aus den eigenen Reihen ermordet worden sei.

Es würde Abbas und dem palästinensischen Volk besser dienen, der Versuchung dieser Story zu widerstehen und stattdessen ihre Aufmerksamkeit auf die Verbesserung der Wirtschaft zu konzentrieren, was letztendlich nur erreicht werden kann, indem sie gemeinsam mit Israel an den Verhandlungstisch zurückkehren.

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